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Die Religion im Alten Ägypten


1 - Maat, 2 - Anbu (Anubis), 3 - Amam (Ammit), 4 - Tehuti (Thoth),
5 - Die Verstorbenen, 6 - Heru (Horus), 7 - Heru's disciples, 8 - Assar (Osiris), 9 - Die zweiundvierzig Richter


Die Grundlagen der ägyptischen Religion

In Ägypten war das, was wir heute Religion nennen, so weit verbreitet und so ein fester Bestandteil des Lebens, daß man nicht einmal einen Namen dafür brauchte. In ihrer eigenen Sprache hatten die Ägypter deshalb ursprünglich gar keinen Begriff dafür.

Aus unserer heutigen Sicht gab es für die Ägypter keine spürbare Trennung zwischen religiösem und weltlichem Handeln. Alles, was sie taten - egal, wie alltäglich es auch immer sein mochte - das Pflügen, das Säen, das Ernten, das Brauen, der Schiffsbau, die Kriegsführung, Spiele, das System der Gewichte und Maße - alles wurde als Symbol für das Handeln der Götter im täglichen Leben auf der Erde betrachtet.

Genau definiert handelt es sich bei einer Religion um ein System aus Glauben, Verehrung und bestimmten Verhaltensweisen, das oft einen festgelegten Kodex der Ethik und Philosophie beinhaltet. Die Hauptbestandteile der ägyptischen Religion (des metaphysischen Glaubens) in der frühesten Geschichte waren:

  1. Gott als religiöser Ursprung von allem
  2. Die Erschaffung des Universums
  3. Die Erschaffung des Menschen und seine Rolle im Universum
  4. Das Bekenntnis
  5. Das Leben nach dem Tod


1 - Gott als religiöser Ursprung von allem

Im engsten Sinne ist die ägyptische Religion eine monotheistische Religion, die also nur einen Gott verehrt. Die Ägypter betrachteten das Universum als bewußte Schöpfung des EINEN GROSSEN GOTTES. Ihre Grundüberzeugung war also die Einigkeit Gottes. Dabei wurde dieser EINE GOTT nie künstlerisch dargestellt, sondern man verdeutlichte nur seine Taten und die Eigenschaften seiner Herrschaft. Alles, was als Hinweis auf seine Taten und auf seine Eigenschaften diente, wurde zu einem bedeutenden Werkzeug zur Widerspiegelung seiner besonderen Taten und Eigenschaften und seines Einflusses auf die Welt. Diese unterschiedlichen Funktionen und Eigenschaften als Schöpfer, als der Weise, als Heiler und als der Ewige bezeichnete man als „neteru" (in der Einzahl als „neter" in der männlichen Form und als „netert" in der weiblichen Form). Deshalb war also ein ägyptischer „neter"/"netert" kein Gott/keine Göttin, sondern einfach die Personifizierung einer bestimmten Funktion oder einer bestimmten Eigenschaft dieses EINEN GOTES.

Die ägyptische Denkweise, daß dieser EINE GOTT durch seine Funktionen und Eigenschaften dargestellt werden kann, findet sich auch genauso unter den Menschen wieder. Jeder von uns hat bestimmte Aufgaben und Eigenschaften. Ein Mensch kann ein Lehrer im Klassenzimmer, ein Vater für seine Kinder, ein Ehemann für seine Frau, ein Spieler in seiner Mannschaft sein,... usw. Dabei hat dieser Mensch keine geteilte Persönlichkeit, aber einfach unterschiedliche Aufgaben und Eigenschaften.

Die Ägypter erkannten die universelle Gültigkeit dieser Denkweise an und verwendeten sie für alle Bereiche der in Hierarchien aufgebauten Welt. Obwohl uns das im ersten Moment kompliziert erscheinen mag, steht es doch im Zusammenhang mit dem wirklichen Leben und stimmt sogar mit ihm überein. Das war das eigentliche Wesen der ägyptischen Philosophie, einer realen Philosophie, die auf logischen, systematischen und zusammenhängenden Grundlagen aufgebaut ist.

Im Mittelpunkt ihres Gesamt-Verständnisses des Universums stand die Erkenntnis, daß der Mensch als Ebenbild Gottes erschaffen wurde und deshalb ein lebendiges Abbild der Schöpfung darstellt. Daher wurden die ägyptischen Symbole und Maßstäbe auch gleichzeitig auf den Menschen, die Erde, das Sonnensystem und letztendlich das gesamte Universum bezogen.

Um diese abstrakten Vorstellungen von den Eigenschaften Gottes vereinfacht zu erklären, wurden einige grundlegende Darstellungen eingeführt. Dadurch wurden die Darstellungen von Ptah, Osiris, Amun, Mut usw. zu Versinnbildlichungen dieser Eigenschaften und Funktionen.

Diese Figuren sollten nur Aufmerksamkeit auf sich ziehen und einige legendäre Schilderungen uder abstrakte Gedanken veranschaulichen, aber keine wirklichen Personen darstellen. Es existierte keine vorgeschriebene Form für einen/eine neter/netert, und die Ägypter glaubten, daß ein/eine neter/netert jede beliebige äußere Form annehmen könnte, da der Sinn der Darstellung eben nur darin bestand, Aufmerksamkeit auf etwas zu lenken oder abstrakte Gedanken zu versinnbildlichen.

Ptah


2- Die Erschaffung des Universums

Die Erschaffung des Universums und des Menschen sind sich gegenseitig ergänzende und miteinander verflochtene Themen. Dabei wird von der Erschaffung des Universums an jede Schöpfung einzeln betrachtet.

Die kosmologische Denkweise im Alten Ägypten wurde in Mythen und Symbolen ausgedrückt, die als bedeutende Mittel zur Erklärung metaphysischer Gedanken dienten. Die Philosophie, die Mathematik und die Wissenschaft sind eigentlich trockene Fachbereiche mit vielen abstrakten Behauptungen, aber die Mythologie vereint philosophische und wissenschaftliche Gedanken in Form einer Erzählung, vergleichbar mit einem leicht verständlichen religiösen Schauspiel oder einem geheimnisvollen Stück. Rein philosophische und wissenschaftliche Abstraktionen und Ausdrücke werden dagegen viel seltener allgemein verstanden, und die Information an sich ist wertlos, solange sie nicht verständlich gemacht werden kann. Gut gemachte Mythologie führt dieses Verständnis herbei.

Die ägyptischen Schöpfungsmythen in Bezug auf das Universum ähneln den Erzählungen in den ersten Kapiteln der Genesis: Gott erschafft den Himmel und die Erde, teilt das Wasser, erschafft das Licht und schenkt den Tieren und dem Menschen das Leben.

Der Ursprung der Welt und die neteru, die an der Schöpfung beteiligt waren, blieben für die Ägypter immer sehr interessant und anziehend. Dabei wurde die ägyptische Kosmologie in vier getrennte, sich aber gegenseitig ergänzende Lehren geteilt, von denen jede ihre eigenen Besonderheiten besaß. Diese Lehren muß man als detaillierte Fassungen der verschiedenen Stadien, die in den ersten Kapiteln der Genesis beschrieben werden, betrachten. Sie umfassen vier Schwerpunkte, die durch vier verschiedene neteru, die fälschlicherweise in der Übersetzung als „Götter" bezeichnet wurden, vertreten werden. Die bedeutendsten neteru der Schöpfung sind Ra aus Heliopolis, Ptah aus Memphis und Amon aus Thebes. Der vierte, Tehuti (Thoth) aus Hermopolis beschrieb die Schöpfung als Folge des Wortes - wie am Anfang des Johannes-Evangeliums.

Die wissenschaftlichen und philosophischen Grundlagen bei der Erschaffung des Universums (wie z.B. der „Große Knall"), die in den Lehren dargestellt werden, finden Sie in Ägyptische Kosmologie.



3- Die Erschaffung des Menschen und seine Rolle im Universum

In Übereinstimmung mit dem ägyptischen metaphysischen Glauben wurde der Mensch, obwohl die Schöpfung hauptsächlich spirituell ist, sterblich erschaffen, trägt aber die Saat Gottes in sich. Der Sinn seines Lebens besteht darin, diese Saat zu nähren, und wenn er dabei gute Ergebnisse erzielt, wird sein Lohn das ewige Leben sein, in dem er sich mit seinem göttlichen Ursprung vereinigt. Die Pflege der Pflanzen auf dem Feld entspricht deshalb der Pflege des Geistes auf der Erde durch das Vollbringen guter Taten.

Weitere Informationen finden Sie in Ägyptische Kosmologie, von Moustafa Gadalla.



4- Das Bekenntnis

Ein Bekenntnis ist hierbei eine Sammlung von Schriften, die von einer religiösen Gemeinschaft als Wahrheit betrachtet werden. Also stellt die Bibel das bekenntnis der Christen dar. Entstanden ist sie als Ergebnis einer bestimmten Auslegung verschiedener älterer Schriften durch die Kirche, wobei nach der endgültigen Auswahl die Bibel in der heutigen Fassung mit neununddreißig (39) in ihr zusammengefaßten Schriften im Alten Testament und siebenundzwanzig (27) Schriften im Neuen Testament vorlag. Auch die Alten Ägypter hatten eine Vielzahl metaphysischer Schriften und Lehren, aber diese wurden niemals in einer einheitlichen Darlegung zusammengefaßt, und die Ägypter legten nie ein einheitliches Bekenntnis ab - egal, worum es sich handelte. Einige dieser Schriften stehen sogar im Widerspruch zueinander, aber das spielte keine Rolle, weil niemand sich dafür verantwortlich fühlte, aus ihnen eine Auswahl für das Volk zu treffen. Jede Ansicht und jede Meinung wurde als weiterer Schlüssel zur Wahrheit betrachtet, die sich schließlich passend zur Form des Schlosses zusammenfügten. Deshalb wurden sie ausnahmslos respektiert und beibehalten.

Nie gab es eine einzige religiöse Authorität, die die Macht besaß, einzelne Schriften auszuwählen und in einem einzigen Bekenntnis zu vereinigen, wie das mit der Bibel geschah. Die einzige Ausnahme bildete Akhenaton's Herrschaft, aber Akhenaton war geistig verwirrt.

Der Inhalt der ägyptischen Religion basiert auf metaphysischem Glauben. Dabei stellt das gesamte Universum eine Schöpfung mit einem bestimmten Sinn und Ziel dar. Der Mensch, der aus Fleisch und Blut entstand und sich in den Geist verwandeln kann, wurde erschaffen, um eine besondere Rolle im gesamten Kosmos zu spielen. In den ägyptischen Schriften werden die einzelnen Etappen des Verwandlungsprozesses des Menschen von seinem fleischlichen Dasein auf der Erde bis zu seinem rein spirituellen Dasein genau beschrieben.

Jede dieser Schriften betont besondere Aspekte des ägyptischen Glaubens zum Leben, zum Tod und zur Wiedergeburt. Dabei hat das Buch der Höhlen psychologischen Inhalt und handelt hauptsächlich von der Bestrafung und der Belohnung. Das "Buch der Tore" hat hauptsächlich spirituellen Inhalt, und das „Buch darüber, was sich im Duat bzw. der Unterwelt befindet", handelt vor allem von Magie und Alchemie. Im Buch vom Tag und im Buch von der Nacht werden kosmologische und astronomische Aspekte betont.

Oft wurde das Buch vom Weiterkommen bei Tag falsch übersetzt und ist heute allgemein als "Ägyptisches Buch vom Tod" bekannt. Es besteht aus über einhundert Kapiteln mit unterschiedlicher Länge, die meist aus den (Pyramiden-)Schriften von "Unas Begräbnis" (etwa aus dem Jahr 2.500 v.u.Z.) abgeleitet wurden. In vollständiger Form kann man diese Texte nur auf Schriftrollen nachlesen, die in den Mumien von Verstorbenen verborgen und mit ihnen begraben waren.



5- Das Leben nach dem Tod

In Form eines Lehrbuches unterwies ein ägyptischer König seinen Sohn, den Prinzen, darin, wie er die höchstmöglichen Ideale im Leben anstreben sollte, weil nach seinem Tod sein ganzes Leben in einem einzigen Augenblick vor ihm ablaufen wird und er dann Rückschau auf sein gesamtes Tun, das von den Richern beurteilt wird, halten muß. In den letzten Jahren beschrieben zahlreiche Bücher die Nahtod-Erlebnisse vieler Menschen. Bei diesem Phänomen wird immer wieder berichtet, daß das ganze Leben der betroffenen Person in einem Moment wie ein Film vor ihr abläuft. Der Tod ist für die Menschen mit Nahtod-Erfahrungen nicht das Ende, sondern viel eher ein Übergangsstadium, und das paßt wiederum genau zum ägyptischen Glauben, der einen Umwandlungsprozeß einschließt, der mit dem Tag des Jüngsten Gerichts beginnt, an dem das Leben eines Menschen bewertet wird.

Wie es vorher bereits erwähnt wurde, drückten die Alten Ägypter ihren metaphysischen Glauben gern in Form einer Erzählung (oder eines Mythus) aus wie bei einem religiösen Schauspiel oder einer geheimnisvollen Aufführung. Nachfolgend wird die ägyptische Darstellung der Vorgänge beim Jüngsten Gericht beschrieben.

Der Geist des Verstorbenen leugnet vor dem ihm zugewiesenen Richter, gesündigt oder Fehler begangen zu haben, indem er die zweiundvierzig Verneinungen (ähnlich der zehn Gebote) aufsagt. Diese Verneinungen stammen aus dem Buch vom Weiterkommens bei Tag (allgemein und fälschlicherweise bekannt als Buch vom Tod). Es folgt eine Übersetzung einiger dieser Verneinungen, von denen sich verschiedene zu wiederholen scheinen, aber das liegt wohl hauptsächlich daran, daß die Aussagen aus der Originalsprache nicht genau übersetzt werden konnten.

Die unvollkommene Seele wird in einer neuen physischen Hülle (einem neuen Körper) wiedergeboren, um ihr die Möglichkeit zu geben, sich auf der Erde weiterzuentwickeln. Dieser Kreislauf setzt sich fort, bis die Seele die erstrebte Reinheit durch die Erfüllung der zweiundvierzig Gebote während ihres Lebens auf der Erde erlangt hat.

Die Ägypter schienen den Reinkarnations-Prozeß durch die Mumifizierung der Körper zu behindern. Durch die Konservierung der physischen Hülle konnte die Seele in der unbekannten Welt des Duat weiterleben, und dadurch gelang es ihr schließlich, ihre eigene Auferstehung zu erreichen, ohne daß sie weitere physische Reinkarnationen durchlaufen mußte.

Die vollkommene Seele wird eine Umwandlung durchlaufen und, wie es in den ägyptischen Schriften heißt, "zu einem Stern werden, sich zu Ra gesellen und ihn bei seiner Reise in seinem Boot aus Millionen Jahren durch den Himmel begleiten".

Für weitere Informationen zu diesem Thema lesen Sie Ägyptische Kosmologie, von Moustafa Gadalla.

Geschrieben durch: Moustafa Gadalla



Diese Seite wurde übersetzt von Christiane Müller.



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